Dr. Louisa Schloussen

Rezension zu Gramlich/Lütke: „Geschäftsgeheimnisse & Whistleblowing – Leitfaden zum richtigen Umgang in der täglichen Praxis“

Das Werk von Prof. i.R. Dr. Ludwig Gramlich und Dr. Hans-Josef Lütke befasst sich mit den Schnittstellen zwischen dem Schutz von Geschäftsgeheimnissen und dem Schutz von Hinweisgebern. Im Mittelpunkt steht die grundlegende Frage: „Gleichzeitiger, gemeinsamer oder zumindest abgestimmter bzw. ergänzender Schutz von Geschäftsgeheimnissen und Hinweisgebern (whistleblower)?“ Ziel des Leitfadens ist es, die aus den beiden Gesetzestexten – dem Geschäftsgeheimnisgesetz und dem Hinweisgeberschutzgesetz – entstandenen Schutzmechanismen darzustellen, Berührungspunkte sowie potenzielle Konfliktfelder zu identifizieren und die praktische Anwendung nachvollziehbar zu erläutern.

A. Gliederung und Konzeption

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile, die jeweils den zentralen gesetzlichen Regelungen gewidmet sind: zunächst dem Geschäftsgeheimnisgesetz (GeschGehG), anschließend dem Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG). Beide Abschnitte beginnen mit einer grundsätzlichen Einordnung der Thematik und einer Darstellung des internationalen und europäischen Bezugsrahmens. Damit hebt sich das Werk von anderen, meist rein national ausgerichteten Praxisratgebern ab. Insbesondere im Zusammenhang mit dem HinSchG gelingt es den beiden Autoren, den internationalen Kontext gemeinsam mit dem deutschen Gesetzgebungsverfahren so aufzubereiten, dass auch Nichtjuristen die komplexen Verflechtungen sowie die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe nachvollziehen können. Diese Hintergründe werden zunächst im allgemeinen Teil umfassend erläutert und anschließend, beispielsweise bei der Thematik der Anonymität von Hinweisgebern, vertiefend aufgegriffen. So werden rechtspolitische Fragestellungen praxisnah und anschaulich in das Gesamtverständnis eingebettet.

Nach einer allgemeinen Übersicht der jeweiligen Regelungen folgt eine systematische Analyse der Vorschriften, bei der die Paragraphen entsprechend ihrer Reihenfolge im Gesetz dargestellt und kommentiert werden.

B. Erster Teil: GeschGehG

Der erste Teil des Werks widmet sich dem GeschGehG und stellt dessen zentrale Regelungsinhalte systematisch dar. Zunächst werden Definition und Schutzgegenstand von Geschäftsgeheimnissen gemäß § 2 GeschGehG erläutert. Es folgen Ausführungen über die Möglichkeiten der rechtmäßigen Durchbrechung des Geheimnisschutzes (§ 3 GeschGehG), die Handlungsverbote hinsichtlich der rechtswidrigen Erlangung, Nutzung oder Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen (§ 4 GeschGehG), sowie die Ausnahmevorschriften, die eine Durchbrechung des Schutzes von Geschäftsgeheimnissen rechtfertigen (§ 5 GeschGehG). Im Anschluss behandelt das Buch die Rechtsfolgen bei Verletzungen von Geschäftsgeheimnissen (§§ 6 ff. GeschGehG) sowie schließlich die Handhabung von Geschäftsgeheimnissen in Gerichtsverfahren (§§ 15 ff. GeschGehG).

C. Zweiter Teil: HinSchG

Der nächste Abschnitt des Werks vermittelt einen Überblick über die Struktur und den Inhalt des HinSchG. Betrachtet werden insbesondere der sachliche und persönliche Anwendungsbereich, wesentliche Definitionen sowie die Ausgestaltung der internen und externen Meldestellen. Darüber hinaus werden die rechtlichen Anforderungen an die Offenlegung von Informationen, die vorgesehenen Schutzmaßnahmen für Hinweisgeber, die Bestimmungen zum Schadensersatz bei Falschmeldungen sowie die Bußgeldvorschriften erläutert.

D. Schlussbetrachtung

In dem abschließenden Kapitel liefern die Autoren eine kritische Gesamtbetrachtung. Sie verdeutlichen, dass die beiden gesetzlichen Schutzregime in der Praxis weitgehend nebeneinanderstehen. Dies ist für die betriebliche Praxis von Bedeutung, da ein koordinierter Schutz von Geschäftsgeheimnissen und Hinweisgeberinteressen bislang kaum gewährleistet ist.

E. Hinweis auf weiterführenden Kommentar

Die Autoren verzichten in diesem Leitfaden bewusst auf vertiefte wissenschaftliche Nachweise und Fundstellen. Für weiterführende rechtliche Analysen und Detailfragen verweisen sie ausdrücklich auf ihren umfassenderen Kommentar zum GeschGehG und HinSchG. Dieser Ansatz unterstreicht den Praxisfokus des Leitfadens und soll Lesern den schnellen Zugang zu Grundlagenwissen ermöglichen, während für wissenschaftliche Vertiefungen gezielt auf spezialisierte Kommentarliteratur zurückgegriffen werden kann.

F. Kritische Würdigung

Besonders hervorzuheben ist die allgemeinverständliche Darstellung, die auch Praktikern ohne juristische Vorkenntnisse einen Zugang zum Thema ermöglicht. Der bisweilen sarkastische Unterton einiger Passagen sorgt für eine aufgelockerte Lektüre, etwa in der Bemerkung: „Im Ergebnis erlaubt der Gesetzgeber damit jedem, eigene ethisch/moralische Wertungen (den handelnden „Aktivisten“ wird der Unterschied indes weder bekannt noch zu vermitteln sein) über das (dann gerade nicht mehr) geltende Recht zu stellen.

Ein deutlicher Mehrwert des Werks liegt in der Einbettung der gesetzlichen Regelungen und ausgewählter Einzelthemen – wie beispielsweise der Anonymität von Hinweisgebern – in den internationalen und rechtspolitischen Kontext. Diese Herangehensweise hebt das Buch von anderen Veröffentlichungen ab.

Ab Seite 71 (von insgesamt 98 Textseiten) folgt ein Anhang mit den vollständigen Gesetzestexten zum GeschGehG und HinSchG. Angesichts der heutigen, online frei verfügbaren Gesetzestexte und komfortabler digitaler Suchfunktionen handelt es sich dabei um eine Ergänzung, deren praktischer Mehrwert unterschiedlich bewertet werden kann.

Mit Blick auf den Buchtitel wäre eine noch eingehendere Herausarbeitung des Zusammenspiels von HinSchG und GeschGehG denkbar gewesen. So hätte beispielsweise der unterschiedliche sachliche Anwendungsbereich des HinSchG und von § 5 Nr. 2 GeschGehG vertieft betrachtet werden können – gerade mit Blick darauf, dass unethisches Verhalten nicht unter das HinSchG fällt. Vergleichbares gilt für die Schnittstellen beim Schutz von Hinweisgebern nach § 6 Abs. 1 HinSchG und § 5 Nr. 2 GeschGehG. Der Praxisleitfaden beschränkt sich insoweit auf eine getrennte Erläuterung der beiden Gesetze. In der Schlussbetrachtung wird das Verhältnis zwischen HinSchG und GeschGehG zwar aufgegriffen, jedoch eher kurz gehalten.

G. Fazit

Gramlich/Lütke präsentieren einen verständlichen, kompakten und praxistauglichen Praxisratgeber, der vor allem Praktikern einen schnellen Zugang zu den zentralen Regelungen des Geschäftsgeheimnisschutzes und des Hinweisgeberschutzes bietet. Für Anwender, die eine vertiefende rechtliche Analyse oder wissenschaftliche Fundierung erwarten, bleiben Wünsche offen. Der Nutzen des Werks liegt insbesondere in seiner Übersichtlichkeit und der zielgruppenorientierten Aufbereitung der aktuellen Gesetzgebungslage; für weitergehende Fragestellungen verweisen die Autoren konsequent auf ihren einschlägigen Kommentar.

Autorinnen und Autoren

  • Dr. Louisa Schloussen
    Dr. Louisa Schloussen ist Rechtsanwältin bei der Kanzlei Rettenmaier in Frankfurt am Main. Sie berät und verteidigt Privatpersonen und Unternehmen im (Wirtschafts-)Strafrecht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Beratung zu Compliance-Themen – insbesondere im Sport und zum Hinweisgeberschutz – sowie in der Durchführung interner Untersuchungen.

WiJ

  • Alicia Albrecht

    Der Abrechnungsbetrug

    Fraud

  • Dr. Nina Abel

    Der Auslandszeuge – Zeuge zweiter Klasse oder Hebel der Verteidigung?

    Auslandsbezüge

  • Dr. Ulrich Leimenstoll

    Quo vadis deutsches Umweltstrafrecht?

    Produkthaftung, Umwelt, Fahrlässigkeit und Zurechnung